Die kleine Stadt Kyritz im Norwesten Brandenburgs feierte am Sonntag ihr 775-jähriges Jubiläum. Der Höhepunkt war ein zweieinhalbstündiger Festumzug durch die historische Altstadt. Über eintausend Freiwillige stellten in einhundert Bildern die Geschichte der Hansestadt von ihrer Gründung bis heute dar. Den einhundersten Wagen bildete die Lokale Agenda 21. Der Bahá’í Hartmut Hanke organisierte ihn.
Kyritz an der Knatter wird das kleine Städtchen im Nordwesten Brandenburgs auch liebevoll genannt. Weniger als zehntausend Menschen leben in der Stadt im Landkreis Ostprignitz-Ruppin. Landesweit bekannt wurde sie durch die angrenzende Kyritz-Ruppiner Heide, auf der sich ein ehemaliger sowjetischer Truppenübungsplatz befindet, auch Bombodrom genannt. Die Bundeswehr wollte das Gelände für Tiefflug- und Bombenabwurfübungen nutzen, doch die Anwohner wehrten sich erfolgreich.
Seit vielen Jahren lebt auch Hartmut Hanke zusammen mit seiner Frau Elke bei Kyritz, im Ortstteil Holzhausen, einem kleinen Weiler in Nähe der Stadt. Der Bahá’í kam damals nach der Wende aus Berlin-Spandau aufs Land. Neben Sack und Pack hatte er auch sein bürgerschaftliches Engagement mitgebracht, zu dem ihn seine Religion insbesondere inspiriert, heißt es doch in den Schriften der Bahá’í-Religion: „Lasst Taten, nicht Worte Eure Zier sein.“ Und: „Alle Menschen wurden erschaffen, eine ständig fortschreitende Kultur voranzutragen.“
“Wir sind niemanden verpflichtet”
Hartmut und Elke Hanke zeugen davon auch bis in ihr Pensionsalter hinein. So ließen sie sich erst vor wenigen Jahren zu Mediatoren ausbilden und begleiten heute ehrenamtlich Schülerinnen und Schüler bei den Schwierigkeiten ihrer Schullaufbahn. „Wir sind dabei niemanden verpflichtet“, betont Hartmut Hanke. Im Laufe der Jahre entstanden viele derartiger Projekte, darunter Auftritte der Tanzgruppe „Sparks of Unity“ sowie weiterer Theater- und Tanzgruppen aus Berlin und Potsdam. Diese gehörten zum Diversity Dance Workshop, einem Tanzprojekt der Bahá’í-Jugend gegen Gewalt. Die aus dem Tanzprojekt entstandenen Fotoaufnahmen wurden 1998 im Rathaus Wusterhausen und der dortigen Stadthalle gezeigt, genauso wie 2006 in der Stadtbibliothek sowie 2010 im Kulturhaus von Kyritz.
Im Februar 2005 beschlossen die Kyritzer Stadtverordneten die Entwicklung einer Lokalen Agenda 21 für Kyritz. Das ist ein auf die sozialen, ökonomischen und ökologischen Bedürfnisse von Kyritz abgestimmter Aktionsrahmen, der seitdem in Anlehnung an die großen UN-Konferenzen der 90er Jahr mit Leben gefüllt wird. Es wurden Leitbilder und Handlungsfelder erarbeitet, die Kyritz’ nachhaltige Entwicklung gewährleisten sollen. Zweck des eigens gegründeten Fördervereins ist auch „die Stärkung eines globalen und ganzheitlichen Denkens, der gegenseitigen Achtung in allen Belangen von Religion, Kultur und Völkerverständigung, durch Förderung des Dialogs zwischen Bürgerinnen und Bürgern, Verbänden, Institutionen, Wirtschaft, öffentlicher Verwaltung und Politik“, wie es in der Satzung heißt. Hartmut Hanke nahm dieses Dialogangebot ernst und engagierte sich in der Initiative für den Erhalt der Stadtmauer genauso wie in der Frage der inhaltlichen Neuaufstellung der örtlichen Schule. So organisierte er eine Ausstellung, Workshops und Hospitationsangebote verschiedener Schulmodelle sowie einen Elternkreis mit dem konkreten Ziel einer Schulneugründung. Aktuell schreibt Hanke an einem Entwurf für eine “Lokale Agenda 21 für Kyritz”.
“Die Erde ist nur ein Land …”
Auf die Frage, was sein bürgerschaftliches Engagement in Kyritz für ihn als Bahá’í bedeutet, antwortet er: „Obwohl ich der einzige Bahá’í hier bin – und meine Frau die ‘bessere’ Bahá’í von uns ist, ohne selbst Bahá’í zu sein – fühle ich mich nicht nur ideell, sondern ganz konkret in meinem Tun zu einer Gemeinde zugehörig, selbst in dem losen allgemeinen Verbund der Stadtgesellschaft“. Für ihn sei die Bahá’í-Religion missionarisch nur im Sinne einer Agenda tätig, nämlich als Antwort auf die Frage, „was zu tun ist“. Nicht aber im Sinne des herkömmlichen Verständnisses des Missionierens, wie er betont. „Selbstständigkeit in der Suche nach Wahrheit ist das Höchste. Das bedingt dann aber auch: Tätig sein im Sinne des Erfüllens der uns gestellten Aufgaben.“ Er gibt aber auch zu: „Es ist schon erstaunlich wie viele in unserer Umgebung entweder in Haifa oder in Indien am Lotostempel waren und voll der Bewunderung für die Heiligen Stätten der Bahá’í sind.“
Für den Festumzug zum 775-jährigen Stadtjubiläum wurde Hartmut Hanke und die Lokale Agenda 21 als einhundertster Wagen angefragt. Für das nach so vielen Jahren in der Prignitz lebende Ehepaar fanden sich schnell Unterstützer und Motiv. Als Ausblick der Kyritzer Stadtgeschichte wählten die Hankes die Erdkugel mit einem Zitat Bahá’u’lláhs: „Die Erde ist nur ein Land …“ Dieses Motiv spielte schon einmal eine Rolle in seiner Arbeit als engagierter Bürger der Stadt. Als im Jahr 2002 die Stadt Vorschläge für die Gestaltung der Marktfiguren mit Wasserspiel ausschrieb, organisierte Hanke die Bewerbungen zweier Bahá’í-Künstler. Der, wenn auch vergeblich, eingereichte Vorschlag hatte das Bildnis des weltbekannten Jazzmusikers und Bahá’í Dizzy Gillespie als Weltkugel zum Motiv, zusammen mit dem Schriftzug „Eine Welt für alle“.
Gezogen wurde die Erdkugel am vergangenen Sonntag übrigens von einem Esel. Der Esel ist ein Symbol für Entschleunigung und Verlässlichkeit. (pa, Foto: privat)