Ende August oder Anfang September jährt sich zum 160. Mal der Todestag der Tahirih. Ganz gewiß ist der genaue Todestag dieser einflussreichen persischen Dichterin und Religionsgelehrtin nicht. Sicher ist jedoch, dass Fatimih Umm Salamih (1817-1852), so ihr eigentlicher Name, Teil der Literatur- und Religionsgeschichte des Iran ist. Als Lichtgestalt der frühen Bahá’í-Geschichte setzte sie sich in Persien des 19. Jahrhunderts für die Rechte der Frauen ein und bezahlte dafür mit ihrem Leben. Die Tahirih-Expertin Fereschte Schweter würdigt Tahirih, “die mit ihrem Leben und Sterben vor 160 Jahren der Menschheit ein Beispiel gegeben und mit ihrer Tat das Tor zur Zukunft geöffnet hat”.
von Fereschte Schweter
In diesem Jahr gedenken wir des hundertsechzigsten Todesjahres einer Frau, die zu den wichtigsten Persönlichkeiten in der gesamten Geschichte der zivilisierten Menschheit gehört. Ihr Leben und Wirken fällt in die Frühzeit der Bahá‘í-Ära im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts, denn sie war ergebene Anhängerin des Bab, des Vorläufers von Bahaullah. Die Tat, die sie setzte, und das Beispiel, das sie gab, beendete wie mit einem Paukenschlag eine vieltausendjährige Epoche der Menschheitsgeschichte, die wir das Patriarchat nennen. Es war dies jener Zeitraum, in dem männliche Werte und Haltungen einseitig überwogen und die Frauen in vielen Bereichen zur Bedeutungslosigkeit verdammt waren.
“Ich wollte, sie wäre ein Junge geworden”
Die Frau, die diesen gewaltigen Paradigmenwechsel einleitete, der das ganze zwanzigste Jahrhundert bestimmte und auch im einundzwanzigsten eine wesentliche gestaltende Triebkraft sein wird, hieß mit bürgerlichen Namen Fatimik Umm Salamih. Aber in die Unsterblichkeit eingegangen ist sie unter dem Namen Tahirih – die Reine.
Die Annäherung an die in der westlichen Welt auch heute noch wenig bekannte Persönlichkeit der Tahirih beginnt im Jahr 1817 in der persischen Stadt Qazvin. Sie stammte aus einer der gelehrtesten Familien der Stadt, sowohl ihr Vater als auch ihr Onkel waren führende islamische Geistliche. Seit ihrer frühesten Kindheit zeigte sie außergewöhnliche Klugheit und Wissbegier. Sie gilt heute noch als die bedeutendste Dichterin, die Persien je hervorgebracht hat. Überliefert ist ein Ausspruch ihres Vaters, der über das geistig so hoch entwickelte Mädchen folgendes gesagt hat: „Ich wollte, sie wäre ein Junge geworden, dann hätte er Licht über meinem Hause ausgestrahlt und wäre in meine Fußstapfen getreten.“
Heute wissen wir, dass Tahirih als Frau unendlich mehr Ruhm ihrer Familie gebracht hat, als sie Junge je hätte erreichen können. Als junge Frau zeichnete sie sich nicht nur durch ihren sprühenden Intellekt, ihre Redegewandtheit und ihre dichterische Begabung aus, sondern auch durch äußere Anmut und Attraktivität.
“Es ist an der Zeit, dass die Welt etwas über Tahirih erfährt“
Blicken wir 160 Jahre zurück. Wie sehr hat sich die Welt in dieser Zeit verändert! Zuerst die die industrielle und dann die technologische Revolution haben die globalen Rahmenbedingungen grundlegend gewandelt. Technisch und formal leben wir heute schon in einem Weltstaat. Aber die geistigen Grundlagen dafür sind noch nicht entwickelt. Das alte, kämpferische und konkurrenzbetonte Paradigma einer Männergesellschaft mag in Pionierzeiten seine Meriten gehabt haben. Heute jedoch wirkt es verderblich, denn es steht der Entwicklung einer Weltkultur entgegen.
Es bedarf integrativer, intuitiver, also verstärkt weiblicher Werte, um den nächsten Evolutionsschritt zur Einheit der Menschheit zu vollziehen. Und es bedarf auch eines neuen geistigen Überbaus durch eine zeitgemäße Religion, die unbelastet von den Irrtümern der Vergangenheit an der Einheit der Menschheit arbeiten kann. Beide Bereiche sind vereinigt in der Person der unvergleichlichen Tahirih, die mit ihrem Leben und Sterben vor 160 Jahren der Menschheit ein Beispiel gegeben und mit ihrer Tat das Tor zur Zukunft geöffnet hat.
Der Schauspieler, Oscarpreisträger, Autor und Weltbürger Sir Peter Ustinov (1921-2004) ärgerte sich über die Zustände in der Welt mit folgenden Worten: „Vorurteilen und blinder Unvernunft muss man mit mutigen Taten entgegen treten. Es ist an der Zeit, dass die Welt etwas über Tahirih erfährt.“
Fereschte Schweter studierte an der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Wien; internationale Konzerttätigkeit mit ihrem Bruder, Bijan Khadem-Missagh; Musikpädagogin im Konzertfach Klavier, daneben Beschäftigung mit Religionsphilosophie und -geschichte. 2004 veröffentlichte sie im Horizonte Verlag, Stuttgart, ihr Buch “Táhirih. Die den Schleier der Unterdrückung der Frauen ablegte”.
Das Foto zeigt den Ort der Hinrichtung der Tahirih, den Garten Ilkhani in Teheran.
Hintergrund:
Am Sonntag, dem 2. September 2012, laden die Bahai-Gemeinde Deutschland und das Bahai Frauen Forum zu einer Veranstaltung aus Anlass des 160. Todestages der Tahirih nach Hofheim-Langenhain ein. Die Veranstaltung am Europäischen Bahai-Haus der Andacht diskutiert die Bedeutung ihres Vermächtnisses für das Frauenbild der heutigen Gesellschaft. An dem Podiumsgespräch »Religion und Frauenrechte heute« nehmen Marlies Brouwers, Vorsitzende des Deutschen Frauenrates, Dr. Rabeya Müller, Islamwissenschaftlerin, muslimische Theologin und Religionspädagogin, sowie Dr. Hale Enayati, Rechtsanwältin und Mitglied des Bahai Frauen Forums teil. Zuvor führt die Tänzerin, Choreographin und Vermittlerin für Orientalische Tanzkunst, Sahareh alias Karin Blumenthal, ihren der Tahirih gewidmeten szenischen Tanz »Frau ohne Schleier« vor.
Vor der Veranstaltung um 16:00 Uhr im Großen Saal des Verwaltungsgebäude der Bahai-Gemeinde Deutschland findet von 15:00 bis 15:30 Uhr eine öffentliche, interreligiöse Andacht im nahegelegenen Europäischen Bahá’í-Haus der Andacht statt.
Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung über Tahirih unternimmt Susan Stiles Maneck, Táhirih: A Religious Paradigm of Womanhood, Journal of Bahá’í Studies Vol. 2, number 2 (1989).