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„Frauen aller Religionen vereinigt euch“

04.09.2012 · Gleichberechtigung

Die persische Dichterin Tahirih legte 1848 als erste Frau ihres Landes öffentlich ihren Schleier ab. Sie forderte nicht nur Gleichheit vor Gott, sondern auch die soziale Gleichwertigkeit von Mann und Frau. 1852 bezahlte sie dafür mit ihrem Leben. Anlässlich ihres 160. Todestages veranstaltete die Bahai-Gemeinde Deutschland zusammen mit dem Bahai Frauen Forum eine Gedenkveranstaltung mit einer Podiumsdiskussion über ihr Vermächtnis für das Frauenbild heute.

von Sunhild Steimle

Die einflussreiche persische Dichterin und Religionsgelehrtin Fatimih Umm Salamih ist als Tahirih (»Die Reine«) Teil der Literatur- und Religionsgeschichte des Iran. Sie schloss sich 1844 als 27-Jährige einer neuen Religion an, dem Babismus. Dieser gilt als Vorläuferreligion der heutigen Bahai-Religion und billigte schon damals den Frauen gleiche Rechte zu. Tahirihs Gedichte, theologische Abhandlungen und soziale Forderungen übten einen großen Einfluss auf die damalige persische Bevölkerung aus. Ganze Dörfer schlossen sich dem Babismus an. Tahirih lehrte die Inhalte der neuen Religion zunächst hinter einem Vorhang und dann öffentlich. Einflussreiche Geistliche und selbst Schah Naser al-Din Schâh Qajar wurden auf sie aufmerksam. Davon berichtet der österreichische Leibarzt des Schah, Jakob Eduard Polak (1818-1891), in seinen Memoiren. Da Tahirih nicht von ihrer Vision einer gerechten Gesellschaft abließ, wurde sie gefangen genommen und schließlich 1852 langsam mit ihrem eigenen Seidenschal erdrosselt.*

Im gleichen Jahr 1848, in dem Tahirih den Schleier ablegte und damit ein neues Zeitalter einläutete, erfolgte mit der Seneca Falls Convention auch die Geburtsstunde der US-amerikanischen Frauenbewegung. In Europa wurde in den März-Revolutionen von 1848 der Ruf nach bürgerlichen Rechten laut. Aus Sicht von Dr. Hale Enayati fanden diese geschichtlichen Ereignisse nicht zufällig zeitgleich statt. Dies sei vielmehr Folge der Stiftung einer neuen Religion, in der beide Geschlechter die gleichen Rechte genießen. Dies sagte die Juristin und Mitglied des Bahai Frauen Forums in einem Impulsreferat zu Beginn.


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Viel erreicht, trotzdem nicht gleichgestellt

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion diskutierten Marlies Brouwers, Rabeya Müller und Dr. Hale Enayati über die heutige Frauenrechtspolitik. Die Vorsitzende des Deutschen Frauenrates, Marlies Brouwers, gab zunächst einen kurzen Rückblick auf das, was die Frauenbewegung bereits erreicht habe. Seit 1957 gebe es das Gesetz der Gleichberechtigung, seit 1979 müsse eine Frau nicht mehr die Erlaubnis ihres Mannes haben, um erwerbstätig zu sein, seit 1979 gilt nicht mehr der Letztentscheid des Vaters und erst seit 1994 sei in Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetzes geregelt, dass der Staat bei der Förderung von Frauen eine aktive Rolle spielen sollte, erläuterte Brouwers.

“Laut Gesetz sind Frauen zwar gleichberechtigt, dies bedeute jedoch nicht, dass sie auch gleiche Chancen haben”, sagte sie. Ihr Verdienst liege beispielsweise bei gleicher Tätigkeit noch immer 25 Prozent unter dem Niveau der Männer. Das traditionelle Rollenverständnis vom Mann als Ernährer und der Frau als Versorgerin sei noch immer sehr weit verbreitet. “Es ist zwar schon viel erreicht worden, aber es gibt noch viele Missstände, die aufgedeckt und bearbeitet werden müssen.”

Nach Einschätzung der Leiterin des Kölner Instituts für interreligiöse Pädagogik und Didaktik, Rabeya Müller, haben Frauen im Bildungsbereich stark aufgeholt. Sie beobachte jedoch mit großer Beunruhigung, dass viele junge muslimische Frauen in einer Art Trotzreaktion an einem alten, traditionellen Rollenverständnis festhalten. Dadurch stellten sie das, was die letzten Generation von Frauen erkämpfte, wieder in Frage, so Müller.

Dr. Hale Enayati vom Bahai Frauen Forum hinterfragte andere starke Sozialisationsfaktoren, wie zum Beispiel die diversen Kategorien der Massenmedien. Überall auf der Welt wachsen Kinder und Jugendlichen in einer Umgebung heran, die von Medien massiv beeinflusst werden, die Fehlvorstellungen über die menschliche Natur propagieren und instrumentalisieren, sagte sie. Klischeehafte Konstrukte würden häufig verwendet, um Menschen zu kategorisieren. Dabei werde es zunehmend schwieriger, unsere individuelle und kollektive Identität – unser Gefühl dafür, wer wir sind und wie wir uns in die Gesellschaft einbringen können - aufzubauen, so Frau Enayati.

Heldinnen der Frauenrechte

Auf die Frage, welche Vorbilder sie geprägt hätten, nannte jede der drei Referentinnen ihre persönlichen „Heldinnen“. Dr. Hale Enayati berichtete neben Tahirih auch von Mona, einer jungen Frau, die in Iran eine Bahai-Kinderklasse geleitet hatte und allein dafür Anfang der 1980er Jahre verhaftet und gehängt wurde. Zu Rabeya Müllers Leitfiguren zählen die weise Königin Saba, die kein Anhängsel von König Salomon gewesen sei, sondern vielmehr eine mutige und eigenständige Frau. Vorbildhaft sei auch die US-amerikanische Muslima Amina Wadud, die 2005 das erste gemischt-geschlechtliche muslimische Gebet angeführt habe, wofür sie aus konservativen muslimischen Kreisen bis heute angegriffen werde. Für Marlies Brouwers haben biblische Frauen vorbildhaft gewirkt – allen voran Maria Magdalena, die in der Auferstehungsgeschichte die zentrale Rolle spiele. Nicht einem Jünger, sondern einer Frau sei Jesus erschienen. Eine Frau habe den anderen Jüngern also die Ostergeschichte erzählt. Aber auch Miriam, die Schwester von Moses oder auch Phoebe seien ihr Inspiration. Die heilige Rita – „zuständig für hoffnungslose Fälle“ – sei ihre persönliche Schutzheilige.

Moderatorin Aliyeh Yegane aus Berlin sprach viele weitere Themen an: der Kampf gegen Zwangsprostitution in Deutschland, der Einfluss der Medien auf das Frauenbild, das Verhältnis zwischen der demokratischen Mehrheit und dem Schutz von Minderheiten. All dies konnte nur angerissen und soll bei nächster Gelegenheit vertieft werden. Das Thema Solidarität zwischen Frauen wurde dabei von allen betont und gut geheißen: Rabeya Müllers Forderung „Frauen aller Religionen vereinigt euch“ ergänzte Marlies Brouwers um „denn gemeinsam sind wir unerträglich“.

* Die in weißer Seide umhüllte Frau auf dem Titelbild ist Sahareh alias Karin Blumenthal, die während der Veranstaltung in einem beeindruckenden szenischen Tanz unter dem Titel »Frau ohne Schleier« Tahirih gedachte.  

Marlies Brouwers ist seit 2008 Vorsitzende des Deutschen Frauenrats, seit 2003 Vizepräsidentin des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB) und seit 1999 Vorstandsmitglied des Landesfrauenrates Berlin. 2011 erhielt sie für ihre herausragenden Leistungen in der frauen- und gesellschaftspolitischen Arbeit das Bundesverdienstkreuz.

Rabeya Müller arbeitet im Zentrum für Islamische Frauenforschung und Frauenförderung und ist Leiterin des Kölner Instituts für interreligiöse Pädagogik und Didaktik. Sie gestaltet Lehrbücher für den islamischen Religionsunterricht, entwickelt Unterrichtsmaterialien und Lehrplaninhalte, erarbeitet interreligiöse und interkulturelle Bildungstheorien und Unterrichtskonzepte und bildet Religionspädagogen aus.

Dr. Hale Enayati ist Juristin und Mitglied der Bahai-Gemeinde Deutschland. Sie promovierte über “Die Garantie der individuellen Religionsfreiheit im Völkerrecht unter besonderer Berücksichtigung der Stellung der Bahai”, erschienen im Weißensee Verlag als Band 1 der Berliner Beiträge zum Völkerrecht.

 

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